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Neu Delhi. In
die Lobeshymnen auf den rasant wachsenden Wirtschaftsstandort Indien haben
sich Misstöne gemischt. SAP-Chef Henning Kagermann kündigte vor kurzem an,
der deutsche Softwarekonzern wolle verstärkt in China und Osteuropa
investieren und sein Engagement in Indien dafür bremsen. Tatsächlich steigen
die Kosten in Indien, die schlechte Infrastruktur wird nur schleppend
ausgebaut und bei qualifizierten Mitarbeitern drohen Engpässe. Trotzdem
glauben Experten: Indien wird noch jahrelang weltweit erste Wahl sein, wenn es
um die Verlagerung von Betriebseinheiten an billigere Standorte - so genanntes
Offshoring - geht.
"Indien
bleibt mit weitem Abstand der beste Offshore-Standort", heißt es im Ende
vergangenen Jahres veröffentlichten Attraktivitäts- Index der
Unternehmensberater von A. T. Kearney. Grund ist die Mischung aus geringen
Kosten und gut ausgebildeten Fachkräften. "Die Lücke zwischen Indien
und dem zweitplatzierten Land, China, ist größer als die Lücke zwischen den
darauf folgenden neun Ländern zusammen." Allerdings konstatiert A. T.
Kearney auch: "Indiens Vorsprung hat verglichen mit 2004 leicht
abgenommen." Indien liegt im Bereich Kosten an erster und bei "Fähigkeiten
und Verfügbarkeit von Menschen" immerhin an dritter Stelle (und damit
vor Deutschland) in der Liste. Doch der Outsourcing- und Offshoring-Boom lässt
Fachkräfte knapper werden. "Der Pool an Arbeitskräften wird völlig
absorbiert", sagt A. T. Kearneys IT-Experte für Indien, Mohit Rana.
"Die Firmen wachsen hier, so weit sie können, dann schauen sie sich
andere Standorte an." Trotzdem gebe es zu Indien keine echte Alternative.
Der Arbeitskräfte-Pool der Länder in Osteuropa sei zu klein. China werde
noch Jahre brauchen, um Standards zu erreichen, die Indien schon biete. Auch
bei Tata Consultancy Services (TCS), einer der führenden indischen IT-Firmen
mit Entwicklungszentren in inzwischen zwölf Ländern, glaubt man nicht daran,
dass der Indien-Boom bald gebremst wird. In schnell wachsenden Märkten wie
Indien sei ein Expertenmangel eine normale Erscheinung, sagt ein
Konzernsprecher. Das werde allerdings ein "vorübergehender Engpass"
sein. An Talenten mangele es nicht, nur müssten sie von den Firmen selber für
ihre spezifischen Aufgaben weitergebildet werden.
Der
indische Software-Verbandes NASSCOM (http://www.nasscom.org)
erwartet, dass in dem am 1. April beginnenden Finanzjahr 2006 die Zahl der
Beschäftigten im IT-Bereich (ohne Hardware) von 1,058 Millionen auf 1,287
Millionen wachsen wird. NASSCOM prognostiziert für die Branche inklusive
Hardware einen Jahresumsatz von 36,3 Milliarden US-Dollar (30,3 Mrd Euro) -
und damit ein Wachstum von knapp 28 Prozent. Der durch den Boom ausgelöste
immer schärfere Wettbewerb der großen Konzerne um die besten Köpfe in
Indien geht einher mit zunehmender Fluktuation und steigenden Kosten. Im
mittleren Management - wo es besonders an Personal mangelt - sind die Gehälter
in den vergangenen zwei Jahren nach NASSCOM-Angaben um jeweils 15 bis 20
Prozent angewachsen. «Indien wird langsam teuer», sagte Kagermann, dessen
Firma an ihrem drittgrößten Standort Indien rund 3000 Mitarbeiter beschäftigt,
der «Financial Times Deutschland». Allerdings nicht zu teuer, meint
NASSCOM-Präsident Kiran Karnik. "Die Kosten sind angestiegen, aber ich
denke, dass die Vorteile so groß sind, dass Kosten nur einer der Faktoren
sind, den Firmen in Betracht ziehen", sagte er der "Computerworld".
Nach den jüngsten vorliegenden NASSCOM-Daten verdiente ein indischer
Programmierer 2004 umgerechnet rund 5.000 Euro - im Jahr. Verantwortliche
Leiter großer Software-Entwicklungsabteilungen kamen demnach auf knapp 50 000
Euro. "Die Gehälter sind deutlich gestiegen, aber sie liegen lange noch
nicht so hoch wie in Deutschland, den USA oder sonstwo", sagt der Chef
der Deutsch-Indischen Handelskammer in Bombay, Bernhard Steinrücke. Indien
bleibe attraktiv. Führungskäfte seien oft im Ausland ausgebildet worden, sprächen
Englisch und dächten in ähnlichen Kategorien wie Europäer. "Lassen Sie
sie ruhig ein Rupien mehr verdienen, solange das Verständnis und die
Psychologie da sind", sagt Steinrücke, "denn das ist Gold wert."
Auch
beim weltgrößten Autozulieferer, der Robert Bosch GmbH, sieht man die
Spitzenstellung Indiens als Offshore-Standort nicht gefährdet. Die Firma
werde dort wie geplant weiter wachsen und einen zweiten Standort neben seinem
Entwicklungszentrum in der Hightech- Metropole Bangalore - dem größten nach
Deutschland - aufbauen, heißt es aus dem Management in Indien. Steigende
Kosten seien kein Problem, solange die Produktivität stimme. Man glaube daher
auch nicht, dass andere Firmen dem Beispiel von SAP folgen und ihr Engagement
in Indien bremsen würden.
Quelle:
dpa
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