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Allgemein

von Tomal K. Ganguly

Weltwirtschaftsgipfel 2006 in Davos
Bollywood Nights und Indiens Aufschwung

 
Davos (Schweiz).
Als die Delegierten des jährlichen Weltwirtschaftsgipfel im alpinen Erholungsort Davos in der Schweiz am 25. Januar ankamen, fanden sie dieses Mal ein herzlicheres Willkommen als sonst üblich vor.
Bei der Ankunft am Zürcher Flughafen wurden sie durch große blau-weiß beleuchtete Werbetafeln begrüßt worauf die Teilnahme Indiens am Forum groß angekündigt wurde. Auf einem Schild war zu lesen: “India: the world’s fastest-growing free-market democracy”. Andere lobten Indiens wachsenden Wirtschaftsheldenmut (momentan gibt es in Indien 91 Firmen mit einem Jahresumsatz von über 1 Milliarde US-Dollar), seine 500 Milliarden US-Dollar starke Marktkapitalisierung und den beträchtlichen und jungen Verbrauchermarkt. Gäste, die im Hotel warteten, erhielten Geschenke aus Indien – einen Pashmina Schal, einen Apple iPod (APPL) vollgeladen mit indischem Pop und klassischer Musik, ein traditionelles Kunstgeschenk, einige ayurvedische Öle zusammen mit einer CD über sämtliche wirtschaftliche Informationen des Landes.  

                           

“Indien ist überall”

Die Inder hatten einiges an Talent mitgebracht um den alpinen Schnee zum Schmelzen zu bringen. Am Abend hatten die Bars an einigen Hotels “Indian Hours” eingeführt wo es indischen Wein, indisches Bier und kleine Snacks wie z.B. Samosas und Kebabs gab – das Essen wurde von keinem Geringeren als den berühmten Chefkoch Hemant Oberoi serviert. Am vorletzten Abend fand eine Abendgala statt, dass das Highlight der Forumstage bildete. An diesem Abend ging auch schließlich die Konferenz zu Ende. Das neue und moderne Zeitalter Indiens wurde in all seiner Pracht dargestellt und den Gästen und Zuschauern näher gebracht. Es wurden Tänze vom Bollywood Choreographen Shaimak Davar vorgeführt und Musik-Mixes von DJ Aqueel und Gesangseinlagen von Usha Uthup waren zu hören. Nehru-Jacken und Seidensaris waren auf jeden Fall in den Garderoben der Anwesenden empfehlenswert gewesen denn die indischen Designer zählten schließlich auch unter den zahlreichen Gästen. Die Show, die Indien dieses Mal in Davos bot, war dennoch ein anderes Zeichen – das Land zeigte vor allem, dass dieses wirtschaftlich neu aufgestiegene Land bereit ist, auf internationalem Parkett mitzuhalten. Branding und Marketing sind nicht einfach nach Indien gekommen dessen Kultur noch als unterbewertet und unerwähnt gilt. Aber einige der berühmtesten indischen Einheimischen haben sich gedacht, dass es genau jetzt an der Zeit ist „Indiens Profil in der globalen Gesellschaft zu steigern“, sagte Nandan Nilekani,  Hauptgeschäftsführer der 1,2 Milliarden Dollar teuren Firma Infosys Technology und Gründer der 3 Millionen Dollar teuren öffentlich-privaten Kampagne „India Everywhere“.

Groß und schön

Natürlich konnten die Teilnehmer des diesjährigen Weltwirtschaftsgipfel erwarten täglich etwas von Indien zu sehen – überall. Das Land ist als eines der wichtigsten acht Unterthemen dieses Wirtschaftsgipfels gekennzeichnet worden. Der sehr erfolgreiche und prominente indische Geschäftsmann Mukesh Ambani übernahm die Schirmherrschaft der Veranstaltung von Peter Brabeck-Letmathe (Vorstandsvorsitzender bei Nestlé). Indische Referenten nahmen an 60 der insgesamt 300 Konferenzen teil. Um möglichst überzeugend und erfolgreich auftreten zu können, schickte Indien eine 115-köpfige Delegation in die Schweiz. Im Gegensatz zum letzten Mal, im Jahre 2005, waren das fast viermal soviele Teilnehmer. Die indischen Vertretung in Davos übertraf sogar um ein Vielfaches die Delegation aus China die gerade mal mit 30 Personen angereist war. Zu den Teilnehmern zählten dieses Jahr u.a. Indiens Premierminister Manmohan Singh, indische Finanz- und Verkehrsminister aus den Staaten wie Rajasthan und Kerala, die für Auslandsanlagen wichtige Anlaufstellen geworden sind – auch einflussreiche Gäste wie der Telekomkönig Sunil Mittal und der Bankier K.V. Kamat nahmen am Forum teil. Sie zählen mitunter zu den erfolgreichsten Geschäftsleuten des Landes. Auch die intellektuellen und “schönen” Leute waren eingetroffen um Ihren Platz unter den ganz Großen einzunehmen: der Wissenschaftler und Nobelpreisgewinner Amartya Sen präsentierte und besprach sein neuestes Werk „The Argumentative Indian“. Neben Pheroza Godrej, Kunsthistorikerin, Ökologin und Autorin des Werkes „A Zoroastrian Tapestry - Art, Religion and Culture“, war auch Shabana Azmi – Schauspielerin und Aktivistin – anwesend. Feine Damen der Gesellschaft wie Parmeshwar  Godrej waren da – wie üblich ihren Nerzmantel hinterherschleifend. Die meisten Inder hatten sich im Central Sporthotel in Davos Platz niedergelassen wo sie die Herrschaft über die Bar übernommen hatten und bis spät in die Nacht hinein tanzten und sangen.

Leistungsfähiger Einfluss

Es war ein weiter Weg aus Indien um am Wirtschaftsgipfel teilzunehmen – eine Reise vom Rande der Weltangelegenheiten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Als die indischen Businessleute anfingen sich seit den 90-er Jahren in Davos zu zeigen, war die Anwesenheit des Landes kaum wahrnehmbar gewesen. Im Jahre 1992, das Jahr nachdem Indien seine Wirtschaft liberalisiert hatte, gab es einen Interessenstoß von ausländischen Geschäftsmännern und sobald kam die erste Koalitionsregierung mit all seinen Widersprüchen und Irritationen zustande. 1996 kam diese Regierung an die Macht und die Verbesserungsbemühungen versickerten allmählich. Danach war “das Interesse mehr als höflich”, erzählt Jamshyd Godrej, Hauptgeschäftsführer von Godrej & Boyce India sowie Davos-Stammbesucher. Mit der Technologiekonjuktur begann der Vorsprung Indiens wieder zu wachsen, besonders als die Wirtschaft des Landes nach außen hin geöffnet wurde. Bereits im Jahr 2004 war Indien beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos ein heißes Diskussionsthema, vor allem was das Thema Outsourcing anbelangte. Unterdessen baute das Land seine Präsenz soweit aus, dass auch andere Erdteile davon Notiz nahmen. Ajay Khanna, der Abgeordnetengeneraldirektor des Bündnisses der indischen Industrie sowie das Rückgrat was die Werbung der indischen Ereignisse in Davos anbelangt, erinnert sich, wie Infosys-Chef Nilekani vor einem Jahr zu ihm kam und sagte: „Die indische Wirtschaft macht sich gut momentan. Wir sind nun immer mehr das Backoffice der Welt. Unsere Demokratie ist robust, Yoga ist globalisiert worden, Bombay Dreams läuft in den Musicals am Broadway, Bollywood ist heiß und die Spiritualität liegt voll im Trend. Wieso sind wir dann nicht überall in Davos?“

Zeichen von Anmaßung?

Auch in der geopolitischen Arena erreicht Indien eine dominante Stellung sowie den dazugehörigen Respekt. Nach dem 11. September hat das Land gezeigt, dass es als herangewachsenes Land der Nuklearenergie mithalten kann. Dieses neue internationale Vertrauen ist auch im Geschäftssektor sichtbar geworden seitdem indische Firmen beginnen in Übersee Bezüge und Beziehungen herzustellen. “All unsere Enten sind nun in einer Reihe”, sagt Nilekani, “Indien wird in diesem Jahr einen Wachstum von 8% als Demokratie haben. Die Demokratie erlaubt Meinungsfreiheit die die Kreativitäten hervorrufen. Diese Kreativität gestaltet eine Kultur die populär ist.“ Einige sehen ein Zeichen der Anmaßung im Stolz Indiens. Wie kann das Land Anspruch zum Status einer aufsteigenden Supermacht erheben wenn noch so viele Probleme vorhanden sind – von der massiven Armut über unzureichender Infrastruktur bis hin zu einem großen Defizit im öffentlichen Sektor? Was geschieht wenn dieser Boom plötzlich über Nacht aufhört wie es bereits in Russland oder Brasilien passiert ist? Nilekani schiebt solche Bedenken zur Seite: „Ja, es könnte ein Ego-Trip für Indien werden, aber dafür muss man erstmal von allen Seiten und Winkeln angehört werden!“ Die Besucher vom Weltwirtschaftsgipfel in Davos bekamen dieses Jahr wohl einiges in epischer Breite zu hören.

Trotz allem ist das Weltwirtschaftsgipfel dieses Jahr mit einer positiven Bilanz – auch für Indien – zu Ende gegangen und die Gäste blicken bereits gespannt auf das nächste Jahr. Bis dahin wird sich wohl noch einiges entwickeln. Seien auch wir gespannt!

>> Offizielle Seite vom Weltwirtschaftsgipfel: http://www.weforum.org

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