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Allgemein

von Tomal K. Ganguly

India Symposium 2006
Das Wirtschaftsphänomen Indien

 
Zürich. Das
Asia Research Institute der Universität St. Gallen  veranstaltete am 25. August 2006 mit großem Erfolg bereits zum zweiten Mal ein indisches Wirtschaftssymposium. Schauplatz war das Renaissance Hotel in Zürich-Glattbrugg. Ein guter Standort, um über wirtschaftspolitische Themen zu diskutieren – wo die Schweiz schlechthin zu einem der  wichtigsten Weltwirtschaftsstandorte zählt. In angenehmer Atmosphäre ging es dieses Jahr darum, das Thema „India’s growth trajectory – challenging but truly promising“ (Indiens Wachstumskurve – herausfordernd, aber wahrlich erfolgsversprechend) mit verschiedenen Menschen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft auszudiskutieren und Denkanstösse für die Zukunft zu geben.

Bereits im letzten Jahr veranstaltete das Institut im Rahmen eines Symposiums eine ähnliche Veranstaltung und fand große Resonanz beim Publikum worauf dieses Jahr das Ganze etwas thematisch sowie teilnehmertechnisch erweitert wurde. Neben Top-Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft waren weitere 100 Gäste geladen, die an einem aktiven Wissens- und Erfahrungsaustausch teilnahmen –  letztendlich waren ca. 60 Gäste an diesem Tag anwesend. Unter ihnen befanden sich zahlreiche CEOs, Geschäftsführer, Direktoren und Partner namhafter nationaler und internationaler Firmen und Organisationen sowie wichtige öffentliche Meinungsträger, die zur gesellschaftspolitischen Sensibilisierung der Thematik beitrugen. Das diesjährige Thema behandelte Problemstellungen sowie Erfahrungen „westlicher“ Firmen der Rahmenbedingungen für ausländische Direktinvestitionen in Indien. Da nicht nur Indien zu einem der am stärksten wachsenden Weltwirtschaftsmärkten gehört, wurde auch der chinesische Markt hinzugezogen um Parallelen sowie Vor- und Nachteile gegenüber Indien aufzuzeigen. Dabei wurden auf Fragen der Investitionsmöglichkeiten und -bedingungen eingegangen und zahlreiche Unternehmensvertreter aus Indien, Deutschland und der Schweiz waren vor Ort, um von deren bisherigen positiven sowie negativen Erfahrungen in Indien zu berichten und einigen Unternehmen Ansporn und Denkanstösse zu geben, doch einmal zu überlegen ob man nicht in Indien investieren solle. Über 60 verschiedene schweizerische, deutsche sowie indische Firmen waren an der Veranstaltung vertreten. Unter ihnen zählten u.a. ABB Ltd., Allianz AG, Citigroup India, Evalueserve, Holcim Ltd., IBM India, KPMG, Leica Geosystems, McKinsey & Company Inc., SAP AG, Siemens Ltd. India, SwissRe Group, World Economic Forum (WEF) und viele mehr. Um der breiten internationalen Masse gerecht zu werden, wurde das Symposium durch Simultanübersetzungen in deutscher und englischer Sprache unterstützt. theinder.net war vor Ort um die interessanten Eindrücke und interessanten Gedanken des Tages festzuhalten.

Eröffnung durch den indischen Botschafter

Die Veranstaltung wurde in vier verschiedene sogenannten „Panel Sessions“ – Themenschwerpunkte eingeteilt. Dadurch war es möglich auf verschiedene wichtige Themen in Art von Gruppendiskussionen mit ausgewählten Teilnehmern einzugehen. Die Eröffnungsrede hielt der indische Botschafter für die Schweiz, seine Exzellenz Amitava Tripathi. Er begrüßte v.a. die Idee, dass solch eine wichtige Veranstaltung dank der Zustimmung und Anwesenheit bedeutender Vertreter von all diesen Firmen und Organisationen stattfinden konnte. Außerdem ging er auf die aktuelle Wirtschaftslage Indiens ein und pries das rasante Wirtschaftswachstum, dass das Land z. Zt. zu verzeichnen hat. Nach einer kurzen Einleitung durch Sigu Muringaseril, Gründer und Vorsitzender des India Symposiums sowie Doktorand an der Universität St. Gallen, war der Startschuss gegeben und die erste Panel Session konnte beginnen.

Panel-Session 1: Untersuchung Indiens auf globaler, regionaler und nationaler Ebene

Bei dem ersten Thema „India’s FDI: A medical check at global, regional and national level“ (Ausländische Direktinvestitionen in Indien: Eine medizinische Untersuchung auf globaler, regionaler und nationaler Ebene) diskutierten folgende Teilnehmer miteinander: Dr. Ralf Dingeldein (McKinsey & Co. Inc), Colette Mathur (Direktorin Weltwirtschaftsgipfel WEF) und Derrick J. Widmer (SICC). Lakshmi Puri (Direktorin UNCTAD) konnte an diesem Termin aus geschäftlich-terminlichen Gründen leider nicht teilnehmen. Hauptsächlich ging es darum, den indischen Gesamtmarkt in regionaler Beziehung zu untergliedern und verschiedene Tendenzen einzelner Bundesstaaten aufzuzeigen. Dabei wurden die steuerlichen Investitionsvorteile in einzelnen Bundesstaaten aufgezeigt. Letzteres lief darauf hinaus, das Ganze auf den großen Nachbarn China auszuweiten und verschiedene Aspekte und Punkte anzusprechen. Colette Mathur ging auf die Vor- und Nachteile zwischen dem indischen und chinesischen Markt ein und kristallisierte diese anhand von Zahlen und Diagrammen heraus. „Die Zusammenarbeit zwischen Indien und China braucht noch etwas Zeit“, so Dr. Dingeldein. Abschließend wurden diese beiden Weltwirtschaftsmärkte der EU gegenüber gestellt. Immer mehr indische Studenten gehen nach Ihrem Abschluss in die Vereinigten Staaten anstatt nach Europa zu kommen. Wieso eigentlich? Ein wichtiger Punkt ist, dass die EU in Sachen Fachwissen noch weit hinter den Staaten hinterherhinkt. Noch bestehen viel zu viele Klischees gegenüber Europäern. Es muss noch viel gearbeitet werden hinsichtlich des Networkings, um mit Überzeugung indische Investoren nach Europa zu locken. Denn in Europa besteht ein Marktzugang sowie das Know-how ist dort stark vertreten. Mit diesen Worten beendete Derrick J. Widmer die Runde.

Panel-Session 2: Kapital- und finanzbezogene Sektoren

In der zweiten Panel Session ging es um das Thema „Capital & Finance Related Sectors“ (Kapital- und finanzbezogene Sektoren). Das Wort in dieser Runde hatten Timo Vättö (Geschäftsleiter, Citigroup Global Markets Ltd.), Heinz Dollberg (Direktor Asien-Pazifik, Allianz AG), Thomas Hess (Leiter für Economic Research & Consulting, SwissRe Group) und Sanjay Nayar (CEO, Citigroup India). Auch dieser Bereich nimmt eine wichtige Stellung im indischen Markt ein. Neue Geschäftsbereiche sind eröffnet worden, u.a. die „Mikro-Versicherung“ sowie „Mikro-Kredite“, um benachteiligten Menschen, z.B. auf dem Land, Anschluss am Finanz- und Versicherungsthemen zu geben und neue Türen zu öffnen. „Mikro-Kredite sind ein neues Geschäftsfeld für uns und werden in Zukunft immer mehr an Bedeutung annehmen“, so Nayar. Bei der Citigroup India ist solch ein Pilotprojekt bereits angelaufen und mittlerweile sehr erfolgreich. Des weiteren unterstützt die Citigroup India zurzeit ein 160 Millionen Dollar Projekt zum Ausbau der Infrastruktur in Indien. In wenigen Jahren soll Indien infrastrukturell zusammenwachsen – Gedanken über den Bau mautpflichtiger Autobahnen seien schon beschlossen und werden umgesetzt. Anschließend wurde die Gehaltsthematik angesprochen und auf die Frage aus dem Publikum ob es in Indien denkbar wäre jemanden in der IT-Branche ein Gehalt von 200.000 Euro zu zahlen bejahte Heinz Dollberg lachend die Frage. „Bald …“, so Dollberg. Noch sei es zu früh, aber spätestens in drei bis fünf Jahren ist es auf jeden Fall denkbar, dass das Gehalt v.a. im IT-Sektor in Indien an dem europäischen bzw. amerikanischen Level angepasst sein wird. Nach dieser 1 1/2-stündigen Session wurden alle Gäste anschließend zu einem reichhaltigen Mittagsbuffet eingeladen, wo zwischen diversen Fleisch- und Fischcurrys Erfahrungen ausgetauscht und neue Kontakte geknüpft werden konnte – eine gute Chance, v.a. für Kleinunternehmer oder „Neulandgängern“.

Panel-Session 3: Infrastrukturell bezogene Sektoren

Nach der Stärkung ging es in die dritte und somit vorletzte Runde. Das Thema befasste sich mit der in der zweiten Session bereits angesprochenen Punkt „Infrastructure related sectors“ (Infrastrukturell bezogene Sektoren). Hierfür hatte das Asia Research Institute  speziell Dinesh Paliwal (ABB Ltd.) geladen. Paliwal ist Direktor der Global Markets & Technologies,  Executive Vice President des ABB-Konzerns und Mitglied des ABB-Konzernvorstandes. Er zählt weltweit zu einem der am höchsten gehandelten Topmanager und ist eine Koryphäe in wirtschaftsrelevanten Themen. Um u.a. an dieser Diskussion teilzunehmen ist er extra aus USA angereist, wo er zurzeit lebt. Man kann von Glück reden wenn man Paliwal für eine Rede einladen kann, denn er kam kurz vor der Panel Session an und reiste kurzerhand danach zu seinem nächsten Termin ab. An dieser Runde nahmen außerdem teil: Prof. Dr. Li-Choy Chong (Direktor, Asia Research Institut der Universität St. Gallen), Paul Hugentobler (Vorstandsmitglied, Holcim Ltd.) und Jürgen Schubert (Geschäftsleiter, Siemens Ltd. India). „Indien ist demokratischer als die Vereinigten Staaten“, so Paliwal ,“aber es mangelt an der nötigen Infrastruktur.“ Fünf bis zehn Jahre seien noch nötig bis Indien auf dem gleichen infrastrukturellen Level von China sei, so Paliwal weiter, aber es wird daran bereits mit Hochdruck gearbeitet. Eine flüssig-funktionierende und komplette Infrastruktur würde vor allem multikulturellen Unternehmen weitere Türen öffnen um in Indien zu investieren. Dies sei ein Punkt, was viele ausländische Firmen abschreckt. Bereits in der zweiten Panel Session juxte Heinz Dollberg, dass er Geschäftspartnern immer empfehle den Flug so zu wählen, dass sie nachts in Indien landen um keinen Kulturschock zu erleiden.

Ein weiterer Diskussionsschwerpunkt war die Politik, die ein wichtiger Schlüssel für einen reibungslosen Ablauf der Infrastruktur ist. Paliwal stellte heraus, dass die Regierung unterstützen und helfen solle was diese Thematik anbelangt. Es gebe doch so viele Gesetzgebungen, da sei das Kapital nur Nebensache denn am Geld lege die Verwirklichung hauptsächlich nicht. Ein weiterer Wachstumskandidat in der indischen Wirtschaft sei außerdem der private Sektor was in der EU oder in den Vereinigten Staaten schon längst der Fall ist. An einem anschaulichen Beispiel anhand seines Konzerns zeigte Paliwal wie wichtig die Infrastruktur doch sei. Die Infrastruktur (z.B. Strassen) sei genauso wichtig wie die Infrastruktur in einem Kraftwerk. Wie solle sonst die Energie geliefert werden ohne einer gut funktionierenden Infrastruktur? Wer würde es liefern? Auf die Publikumsfrage welche Strategie er vorschlage, um als ausländischer Investor in Indien Erfolg zu haben antwortete Paliwal: „Gehen Sie mit Ihrer Toptechnologie nach Indien - nicht die zweit- oder drittrangige Technologie. Die Inder wollen nur das Beste. Sie wollen Erfolg haben? Also nehmen Sie nur das Beste mit!“ Es klang fast wie eine Aufforderung und Paliwal ist nicht von gestern sondern immer auf dem Laufenden – schließlich hat er sehr viele Erfahrungen gemacht. Eine andere Frage, mit der sich die Diskussionsgruppe beschäftigte war das Outsourcing. Um einen weltweit gleichen Standard an Disziplin und Arbeitsstandard zu bekommen müssen die richtigen Leute und richtigen Partner gewählt werden. Als ausländischer Investor hat man es wahrhaftig schwer, anfangs mit der indischen Arbeitskultur zurecht zu kommen. Die korrekte Lösung sei die indischen Arbeitnehmer in den Westen – sei es die EU oder USA – zu bringen und sie hier zu trainieren. Erst dann ist ein ungefähr gleiches Arbeitslevel geschaffen, wie z.B. die deutschen Unternehmer es hier kennen. Mit dem Satz „Innovation is culture!“ beendete Paliwal schließlich die Panel Session und verließ während der anschließenden Kaffeepause das Hotel um zum nächsten Termin zu eilen.

Panel-Session 4: Dienstleistungsbezogene Sektoren

Gegen 16 Uhr läutete Sigu Muringaseril dann schließlich die letzte Panel Session des Tages ein. Auch dieses Thema behandelte eines der wichtigsten Punkte der indischen Wirtschaft, u.a. den IT-Sektor. Das Thema lautete „Service related sectors“ (Dienstleistungsspezifische Sektoren). An dieser Runde nahmen teil: Dr. Sibylle Bartels-Hetzler (Vorstandsmitglied, KPMG Deutschland), Clas Neumann (Senior Vice President, SAP AG), Amitabh Ray (Vizepräsident, IBM India Global Business Services ) und Marc Vollenweid (CEO, Evalueserve). Verschiedene Aspekte wieso  Indien ein Schlüsselmarkt der Zukunft sei, wurden diskutiert. Dabei müssen Firmen die Bürokratiehürden meistern und Regulierungen der Regierung einhalten. Dazu zählen hauptsächlich steuerliche Regulierungen und Abgaben. Zur Abwägung steuerlicher sowie thematischen Punkten gehören viel Fingerspitzengefühl gegenüber dem Kunden, so Vollenweid. Regulierungsstandards werden immer höher angesetzt, die die Firmen erfüllen und einhalten müssen und dieses versetzt die Industrie zudem einem zusätzlichen Druck. Laut Amitabh Ray wird der Dienstleistungssektor in den nächsten drei bis fünf Jahren einen rasanten sowie enormen Wachstum erfahren. Auch in Sachen IT-Kriminalität wird mittlerweile in Indien hart durchgegriffen. Die so genannte „Cyber-Police“ leistet hervorragende Arbeit, so Ray. Als Beispiel nannte er einen jüngsten Vorfall einer Firma. Von einem Internetcafe aus wurden von einem Mitarbeiter interne geheime Firmendaten der Konkurrenz zugespielt. Der Täter wog sich in Sicherheit, aber innerhalb von zwei Tagen konnte die Cyber-Polizei ihn ausfindig machen und ihm das Handwerk legen. Der Prozess steht demnächst bevor und der Täter wird kaum an einer Gefängnisstrafe vorbeikommen – und das wird nicht von kurzer Dauer sein. Vollenweid, ein junger High-Potential Aufsteiger schloss die Diskussion mit der Bildungsthematik ab. Er bemängelte, dass frisch abgeschlossene Studenten zwar über ein hohes Know-how Potential verfügen, aber durch mangelnde Arbeitserfahrung ein Defizit an praktischem Verständnis mitbringen. Aus Sicht der Industrien herrscht eine akademische Lücke was das Arbeiten an „Real-life projects“ in Firmen angeht – ein wichtiger Denkanstoss für die Zukunft.

Positive Schlussbilanz und ein Blick in die Zukunft

Nach diesen ganzen Diskussionen hielten Prof. Chong und Sigu Muringaseril noch eine kurze Abschlussrede, bedankten sich bei allen Teilnehmern und zogen einen allgemeinen positiven Schlussstrich vom Tag. Gerade solche Erfahrungsaustausche zwischen Firmen und Organisationen seien heutzutage bei solch einem rasanten Wachstumstempo der Wirtschaft von grosser Bedeutung, so Chong und er schaute recht zuversichtlich auf das kommende Jahr.

>> Visuelle Eindrücke vom Symposium gibt es hier (ausführliche Bildergalerie)

>> Link: Asia Research Institute, Universität St. Gallen

Bildquelle: ARC UniSG

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